Tief im Westen der Republik in Düsseldorf findet jedes Jahr der FoKo statt – der Fortbildungskongress der Frauenärztinnen und -ärzte. Die Session zur Digitalisierung zeigte, wie weit die Vorstellungen von Gesundheitsministerium, Selbstverwaltung und Praxisleitungen über den richtigen Weg von der Technik zur Versorgung auseinander liegen. Auch jetzt noch, kurz vor dem Start der elektronischen Patientenakte (ePA).
Glaubt man dem noch amtierenden Bundesgesundheitsminister, ist die ePA ein Erfolgskonzept ohnegleichen. Der Durchbruch bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Weltweit. Hört man dagegen die Vertreter den niedergelassenen Ärzte, stehen wir einen Schritt vor dem Abgrund. Und das nicht nur bei der Digitalisierung …
Es ist leider so wie bei vielen anderen Fragen in der Politik auch: Statt über Sachfragen zu diskutieren und Argumente auszutauschen, wird gerne pauschalisiert. Das war auch beim Hauptthema Digitalisierung am Freitag beim FoKo nicht anders. Dass es trotzdem halbwegs gesittet zuging, war auch den beiden Vorsitzenden Dr. Rolf Englisch und Prof. Marion Kiechle zu verdanken, die mit eigenen Einblicken und viel Charme den Ton moderat und das Publikum bei Laune hielten.
Dr. Florian Fuhrmann, der Geschäftsführer der Digitalagentur gematik, stellte Ziele, Umsetzung und Erwartungen an die ePA vor. Erwartungsgemäß war dabei sein fast ungetrübt positiver Blick auf das Projekt. Was nicht weiter verwundert, ist Bundesgesundheitsminister Lauterbach doch sein direkter Vorgesetzter.
Hier ein paar Aussagen zum Stand der Dinge: „5% der GKV-Versicherer haben gesagt, für mich bitte keine Akte. Das ist eine sehr niedrige Zahl, auch im Vergleich zu anderen Ländern, die ePAs eingeführt haben. 70 Millionen Akten sind jetzt da – angelegt durch die Krankenkassen und jederzeit nutzbar.
Wir haben aktuell in den Testregionen 300 Versorgungseinrichtungen, Krankenhäuser, Apotheken und Arztpraxen. Von 300 teilnehmenden Einrichtungen arbeiten aktuell bereits 80 mit der Akte. Und wir bekommen sehr ermutigende Rückmeldungen. Manche sagen, ich habe schon den ersten Menschen ihre Medikationsliste aufgeräumt.“
Die Herausforderung goß er in Zahlen: 1900 Krankenhäusern mit etwa 15 verschiedene Softwaresystemen, 100.000 Praxen mit etwa 150 Praxisverwaltungssystemen, die mit der EPA arbeiten sollen. Dazu 5 Apotheken-Softwaresysteme, über 100 Millionen Endgeräte und 96 ePA-Frontends – für jede Krankenkasse ein Stück Software, mit dem die jeweiligen Versicherten mit der EPA arbeiten.
Über die Phasen der Digitalisierung in den letzten Jahrzehnten, vom Desktop-Computer zum Smartphone stellte er Branchen wie den E-Commerce vor, die bereits die Phase der digitalen Transformation durchschritten haben und sagt: „Und ehrlich gesagt, müssen wir genau dort auch sein. Wir müssen patientenzentrierte Daten haben.“
Die Diskussion dazu war emotional und auch die Argumente der Skeptiker waren nicht von der Hand zu weisen. Hier eine Auswahl: „Was nützt mir eine ePA, wenn Leute dort mitmischen, die den Sinn und die Wichtigkeit ihrer Daten nicht verstehen? Und da meine ich jetzt ganz böse den Patienten, der entscheiden kann, was der betreuende Arzt sehen kann und was nicht. Das entlastet mich dann leider überhaupt nicht.“
Oder: „Ich sage Ihnen mal ganz einfach, wie nach dem letzten Connector-Update mein Leben ausgesehen hat. Es ging nichts … Es war ein altes Handkartenlesegerät, mit dem wir dann die Karten mühselig ins System übertragen haben. Ich habe mein Personal einmal die Woche zum Essen einladen müssen, damit die nicht weglaufen. Das ist keine Digitalisierung.“
Dr. Englisch hatte als Vorsitzender das letzte Wort und formulierte seine Erwartungen an die gematik so: „Was bisher von der gematik kam, war Mist. Auch das elektronische Rezept hat nur deshalb funktioniert, weil in jeder Praxis irgendwer zig Stunden drüber gesessen hat. Und deshalb nimm bitte mit zu diesem Minister oder dem, der danach kommt: Wir müssen uns darauf verlassen, dass die ePA erst ausgerollt wird, wenn alles funktioniert. Nicht, wenn er meint, dass es funktioniert, sondern wenn es wirklich fehlerfrei in den Testregionen läuft.“
Wann das sein wird, steht in den Sternen. So lange werden vermutlich weder der aktuelle Gesundheitsminister noch ein potenzieller Nachfolger warten wollen. 2025 wird wohl das Jahr der ePA. So oder so …
Text: Reinhard Merz
Bild: leonardo.ai für arztCME